Marietta und Anita waren Backfische geworden und gemeinsam mit ihrem kleinen Bruder Juan sind sie im Reichtum auf der Kaffeeplantage ihres Vaters aufgewachsen. Dass die beiden Zwillingsschwestern waren, war kaum zu erkennen. Anita war einen Kopf grösser, dunkelhaarig und ausgesprochen temperamentvoll, Marietta dagegen war zierlich, hatte goldblonde Haare und war ruhiger und sanfter als ihre Schwester.
Bei einem Ausritt traf Jetta zum ersten Mal auf das Elend der Arbeiter auf den benachbarten Kaffeeplantagen. Sie begegnete dem kleinen deutschen Mädchen Lotte und war dabei als seine Mutter starb. Die Familie beschloss, Lottchen im Haus zu behalten, bis man seine Verwandten in Deutschland gefunden hätte.
In Lichterfelde sah Frau Annemarie strickend dem Schneetreiben zu und dachte an alle ihre Enkel. Gerda, Vronlis dreizehnjährige Tochter war ernst und verständig, Lili, Hansis Älteste war noch sehr verspielt, Evchen die sechsjährige war ein kleiner Trotzkopf und die beiden kleinen Buben waren sehr lebhaft. Nur die Kinder ihrer Ursel kannte sie nur aus Briefen.
Und endlich sollte sie sie auch kennenlernen. Anita und Marietta, Miss Smith, ihre englische Lehrerin, Lotta, Homer, ein schwarzer Bediensteter und der Affe Jimmy hielten in Lichterfelde Einzug.
Ein Jahr sollten die beiden Mädel in Deutschland bei den Grosseltern bleiben. Anita gefiel die fremde Lebensart der Grosseltern gar nicht. Der Umgang mit Dienstboten, die Essgewohnheiten, die Landschaft, alles missfiel dem verwöhnten Mädchen. Marietta fiel die Umgewöhnung auch nicht leicht, doch die herzlicher Art der Grossmama entschädigte sie für viele Entbehrungen.
Lottchens Verwandte waren noch nicht gefunden worden und deshalb wohnte sie zwischenzeitlich bei dem Hausmeisterehepaar von Familie Hartenstein.
Anita und Marietta mussten einiges lernen im deutschen Haushalt, so z.B. auch, dass die jungen Damen bei Tisch die Gäste bedienten und dass Fussball in Deutschland kein Sport für Mädchen ist.
Auch in der Schule war vieles anders, so waren die deutschen Mädchen viel einfacher gekleidet und auch den Respekt gegenüber den Lehrern mussten die beiden erst lernen.
Ein grosser Tiefschlag war die Herzattacke des Grossvaters. Marietta machte sich grosse Sorgen um die Grosseltern und zum ersten Mal zerstritt sie sich mit ihrer Zwillingsschwester, die die Sorgen nicht nachvollziehen konnte und die schliesslich auch mit Onkel Hans in die Ferien fuhr. Die schweren Tage schweissten Grossmama und Enkelin fest zusammen. Langsam ging es auch mit der Genesung des Grosspapas voran und endlich sah auch Ursel ihre Eltern wieder, denn gemeinsam mit Juan war sie ans Krankenbett ihres Vaters geeilt.
Zu Anfang des Winters war auch Milton der Familie nachgereist. Auch Vetter Horst kam mit Grüssen von der Waterkant, besonders seiner Eltern Klaus und Ilse, nach Berlin zu Besuch. Mit Anita verstand er sich sehr gut und er spielte auch mit dem Gedanken, nach Brasilien zu reisen.
Im Frühling war es wieder Zeit, Abschied zu nehmen, aber Marietta entschloss sich, bei den Grosseltern zu bleiben.
Text: Miriam Neufert


