Und wieder war Annemaries Geburtstag, sie ist jetzt neunzehn Jahre alt geworden und ihr sehnlichster Wunsch wurde ihr erfüllt - ein Studienjahr in Tübingen.
Ihr Bruder Hans war inzwischen Referendar und Klaus besuchte die landwirtschaftliche Hochschule in Berlin.
Endlich war es soweit, Annemarie, Ilse und Marlene sollten in die Welt hinaus ziehen. Nach einigen Ermahnungen und dem Abschied von den Zuhause gebliebenen Freundinnen und all den Lieben, fuhr der Zug los. Als der Zug am Abend in Würzburg hielt, stieg Annemarie kurz aus um etwas zu trinken zu holen. Leider war sie dabei etwas zu unbekümmert und der Zug fuhr plötzlich ohne sie ab. Von einem Stuttgarter erfuhr sie, dass der nächste Zug erst am nächsten Morgen fahren würde. Der junge Mann wollte ihr auch seine Hilfe anbieten, doch Nesthäkchen lehnte schroff ab. Mit Mühe und Not fand sie ein kleines Hotel und ging dann zum Essen. Dort begegnete sie wieder dem fremden Herren, liess ihn jedoch abermals abblitzen. Beim dritten Anlauf nahm sie seine Hilfe an und sie erfuhr dass er Rudolf Hartenstein hiess und in Würzburg seinen Doktor in Medizin machen wollte. Sie liess sich zu ihrem Hotel bringen und konnte am nächsten Tag endlich nach Stuttgart fahren. Durch Zufall fand sie Ilse und Marlene wieder und am darauffolgenden Tag machten sich die drei auf Wohnungssuche in Tübingen. Sie fanden ein nettes Häuschen mit netten Wirtsleuten. Marlene und Ilse teilten sich ein Zimmer und Annemarie bekam das andere. Bei Frau Kirchmäuser bekamen sie auch gleich Kochunterricht und auch Anschluss unter den Studenten war schnell gefunden.
Die drei Herren Krabbe, Neumann und Egerling gehörten bald zu den ständigen Begleitern der drei. Ja, so ein Studentenleben war schon etwas feines. Bei Frau Kirchmäuser in die Klausur genommen zu werden war schwieriger als jedes Medizinstudium. Da gab es einiges zu lernen für die verwöhnte Annemarie.
Ein grosses Ereignis war das Rosenfest, dass ein Professor Annemaries veranstaltete. Dort traf sie zu ihrer grossen Überraschung den frisch gebackenen Doktor Hartenstein.
Am Ende des Festes, bei einer gemeinsamen Bootsfahrt erhielt Nesthäkchen den ersten Handkuss ihres Lebens.
Es gab noch einige Begebenheiten bei denen Annemarie und Doktor Hartenstein sich wiedersahen, wobei nicht alle zu Nesthäkchens Vorteil verliefen.
Ein gemeinsamer Ausflug mit den Freunden führte auch zur Nebelhöhle, wo es fast zu einem Unglück kam. Der Ausflug endete mit einem Kuss und einem unbeantworteten Antrag.
Bei der Besteigung das Ulmer Münsters kam es zu einem ernsten Gespräch zwischen Nesthäkchen und Rudolf Hartenstein bei dem sie ihm mitteilte, nicht seine Frau werden zu können. Kurz darauf trafen Herr und Frau Braun auf die Gruppe und es wurde ein freudiges Wiedersehen gefeiert.
Mit Ostern kam auch die Zeit, Abschied von Tübingen zu nehmen. Marlene und Ilse wollten noch das Sommersemester dort studieren. Annemarie fuhr aber wieder nach Hause.
Mai war es geworden, und Annemarie hatte im Krankenhaus unter Doktor Hartensteins Führung viel zu lernen. Die Abende gehörten der Familie und den Freunden und Vera und Margot waren noch immer gern gesehene Gäste.
Ein Regentag war es, und der Weg war schwer, doch endlich war es geschehen - Nesthäkchen ist Braut.
Die Eltern erfuhren es als erste und bald wusste es die ganze Strasse, Margot, Vera, die Grossmama und auch die Studentenfreunde wurden informiert.
Als es endlich soweit war, kamen sie alle, aus Tübingen, aus Gut Arnsdorf und alle Berliner Freunde und Verwandte. Auch ein neues Brautpaar gab es zu feiern, Ola, Rudolfs Schwester, und Hans.
Und auch einen Blick in die Zukunft wollen wir werfen. In einem kleinen Häuschen in Lichterfelde stehen Annemarie und Rudi an der Wiege ihres Nesthäkchens Klein-Vronli.
Text: Miriam Neufert


