Else Ury

Nesthäkchens Backfischzeit

(1919)

 

Wieder einmal kamen bei Annemarie alle Freundinnen zu einem Kaffekränzchen zusammen. Jetzt waren es Vera, Margot, Marianne, Ilse und Marlene die sich einfanden. Alle ausser Margot waren inzwischen auf das Gymnasium gewechselt und so musste auch Latein gepaukt werden, wenn auch in fröhlicher Runde.

Eine Unterbrechung des Schulunterrichts gab es einmal, als die Untersekunda zum Schneeschippen abkommandiert wurde, da Berlin im Schnee versank. Auch Nesthäkchen vorwitziger Versuch einen Schülerrat zu gründen brachte etwas Abwechslung in das schwere Schülerlos der Backfische.

In diesem Jahr fiel der Tag der Versetzungszensuren auf Annemaries Geburtstag. Und trotz des Bangens wurde die jetzt sechszehnjährige Annemarie versetzt. Am Nachmittag kamen wieder alle fünf Freundinnen und man trank Kaffee und spielte Gesellschaftsspiele. Mitten im Teekesselspiel ging plötzlich das Licht aus und da auch keine elektrische Bahn mehr fuhr, mussten die Mädchen abgeholt werden.

Klaus und sein Freund Richter wollten zur Kirschblüte nach Werder fahren. Nach längerem Bitten durften auch Annemarie, Marlene, Ilse, Marianne und Vera mitfahren. Doch so erfolgreich wie die jungen Leute dachten, wurde die Hamsterfahrt dann doch nicht.

Auch von der Blockade wurde der Braunsche Haushalt betroffen. Ob man nun Hamsterkäufe machen musste, noch schnell Wasser sammelte oder man eines morgens feststellen musste, dass ganz Berlin zu Fuss unterwegs war. Jedenfalls bis zu dem Tag, an dem alle möglichen Wagen begannen, die Menschen zu transportieren. So kam es auch, dass Annemarie und ihre Freundinnen mit der "Berliner Abfuhrgesellschaft" zu Marlenes Geburtstag fahren musste.Um bei der Erntearbeit zu helfen fuhr Annemarie wieder zu Tante Kätchen und Onkel Heinrich auf Gut. Sie verlebte dort drei schöne Wochen bis sie von einem bevorstehenden Eisenbahnstreik erfuhr und sofort nach Hause fahren musste.

 Wegen Kohlenmangels musste Annemarie in Nürnberg einen unfreiwilligen Zwischenstopp von unbestimmter Dauer einlegen. Da sie ihre Handtasche verlor, hatte sie weder Geld für eine Unterkunft, noch konnte sie wegen des fehlenden Gepäckscheins ihr Gepäck bekommen. Kurzerhand nahm sie eine Stellung als Kindermädel an, doch sie konnte weder plätten, noch kam sie mit der Kindererziehung zurecht. Durch einen glücklichen Zufall kam jedoch herausm wer sie wirklich war. Sie war ausserdem im Haus eines Studienkollegen ihres Vaters gelandet und nach acht Tagen konnte sie auch ihre Heimreise antreten.

Wieder Zuhause musste sie fleissig büffeln und im Herbst brachte die Tanzstunde eine willkommene Abwechslung.

Im Winter wurde Berlin von einer grossen Kohlennot heimgesucht und es war bitterkalt, auch in der Braunschen Wohnung wurde nur noch das Wohnzimmer beheizt. Da Frau Braun von einer schlimmen Grippe heimgesucht wurde musste Annemarie zur Grossmutter übersiedeln, zur der sich auch Tante Albertinchen gesellte. Ein Versuch, Kohlen für die beiden alten Damen zu beschaffen, endete nur damit, dass Annemarie und Vera ebenfalls die Grippe bekamen.

Zwei Jahre sind seitdem vergangen, und Annemarie paukte ärger denn je, denn sie stand kurz vor der Reifeprüfung. Endlich war der gefürchtete Tag da und Annemarie und Marlene hatten das schriftliche Examen mit einer eins bestanden, dadurch waren sie vom mündlichen Examen befreit. Endlich durften auch die Eltern erfahren, dass Annemarie diesen wichtigen Tag in ihrem Leben mit Bravour gemeistert hatte. Nach einer gelungenen Abiturfeier zogen die Mädel in ein neues Leben hinaus.

 

Text: Miriam Neufert