Else Ury

Nesthäkchen und der Weltkrieg

(1916/1918)

 

Alles hatte sich verändert. Nesthäkchen sass strickend mit der Grossmama auf dem Balkon, Hans machte den ganzen Tag Bahnhofsdienst und Doktor Braun war als Stabsarzt in Frankreich. Für Annemarie war es schwer, sich daran zu gewöhnen, ohne die Mutter zurechtzukommen. Diese sass in England fest und Annemarie rechnete jeden Tag mit deren Rückkehr.

Singende Soldaten marschierten jetzt durch die Strassen und eine Siegesnachricht liess alle die Flaggen hissen. Als die Schule wieder anfangen sollte wurde diese in ein Lazarett umgewandelt und Lehrer und Schülerinnen hatten die Aufgabe die Schule zu räumen. Nachdem dies bewältigt war wurden zwei Hilfsabteilungen gegründet, und Annemarie meldete sich zur Strick und Nähabteilung. Die Vaterlandsliebe bewirkte auch bei Nesthäkchen, dass diese die Strickarbeiten mit Hingabe bewältigte. Von Mutti jedoch kam gar keine Nachricht und Nesthäkchen machte sich so grosse Sorgen, dass die Grossmama sogar einen Arzt kommen lassen musste. Um die arme Grossmama zu entlasten kam Fräulein Lena zurück, deren erste Aufgabe es war eine Familienflagge zu nähen.

Sieg über Sieg wurde im Jahr 1914 jubelnd von den Berlinern gefeiert. Japan gehörte jetzt auch zu Deutschlands Feinden und Annemarie beschloss, den im Haus wohnenden freundlichen "Japaner" mit Nichtbeachtung zu strafen.Die Mädchen waren jetzt in einer Volksschule einquartiert und Annemarie entschloss sich wieder einmal zu einer patriotischen Handlung, indem sie beschloss, nicht mehr Französisch zu lernen. Auch Fremdwörter waren verpönt und Annemarie richtete sogar eine Fremdwortkasse ein, in die jeder einzahlen musste, der ein solches benutzte.

In Berlin kamen in diesen Tagen endlos viele Ostpreussische Flüchtlinge an, und Hans als Pfadfinder war sogar von der Schule befreit worden, um den ganzen Tag am Bahnhof zu helfen. Annemarie beschloss zu geben, was sie konnte, ob sie nun weniger essen, oder ihre gesamte Kleidung spenden wollte. Eines Tages brachte Hans einen Säugling mit, ein Ostpreussenkind, dessen Eltern verschollen waren. Nach kurzem Aufenthalt im Braunschen Haushalt wurde der kleine Junge der Portiersfamilie in Pflege gegeben. Annemaries Klasse schloss einen Junghelferinnenbund um für das kleine Mäxchen zu sorgen.

Annemaries Schule war wieder umgezogen, sie lag jetzt weit im Norden der Stadt und ein neues Mädchen war in die Klasse gekommen. Vera aus Polen. Da Polen auch zu Deutschlands Feinden gehörte, benahmen sich die Mädel Vera gegenüber ausgesprochen feindlich. Da das Mädchen kaum Deutsch verstand, wusste es auch nicht, warum die Kinder sich so feindlich benahmen.

Der erste Weihnachtsfeiertag brachte endlich Nachricht von der Mutter. So erfuhren sie, dass die Mutter erkrankt war, und deshalb die Ausreisefrist verpasst hatte. Auch die vielen Briefe der Mutter kamen nicht durch, ebenso wie sie selbst nur wenige Briefe aus der Heimat erhielt.

Auch das neue Jahr brachte wieder Siege für Deutschland. Trotzdem drohte eine Hungersnot und es wurden Lebensmittelkarten eingeführt. Auch die Reichswollwoche forderte Opfer. Es wurde jegliches Wollzeug gesammelt, dass man entbehrten konnte.

Eine schlimme Nachricht kam , in der die Mutter mitteilte, dass sie als Spionin verhaftet worden war. Nachdem Annemarie mit der Osterzensur in die fünft Klasse versetzt worden war, kam der Vater auf Besuch zu seiner Familie.

Durch ein tragisches Ereignis in Veras Familie wurde diese endlich in der Klasse aufgenommen und Annemarie wurde ihre Freundin.

Auch ein Kriegskind hatte man im Braunschen Haushalt jetzt täglich zu Tisch. Die Lebensmittel waren mittlerweile knapp bemessen und man musste lange dafür anstehen. Um Strom zu sparen, wurde die Sommerzeit in Deutschland eingeführt.

Und endlich hielt ein Auto vor dem Haus und Frau Braun konnte ihre Kinder wieder in die Arme schliessen.

 

Text: Miriam Neufert