Und wieder war es nur noch eine Woche bis zur Osterzensur, bei der Annemarie in Betragen ein lobenswert bekommen musste um an ihrem Geburtstag eine Kindergesellschaft halten zu dürfen. Doch was war mit Annemarie los? Sie konnte sich nicht mehr konzentrieren hatte Kopfschmerzen und war müde. In einer Handarbeitsstunde bei Fräulein Hering ging es Annemarie schliesslich so schlecht, dass diese sie mit einem Taxi nach Hause bringen musste. Der sofort herbeigerufene Vater diagnostizierte Scharlach und sie musste sofort in eine Klinik gebracht werden. Es war eine schwere Zeit für Familie Braun und endlich erwachte Annemarie in einer fremden Umgebung. Es bereitete ihr Schwierigkeiten zu verstehen, dass sie sich in Vaters Klinik befand, doch die freundliche Zusprache von Schwester Elfriede beruhigte sie.
Langsam ging es auch mit ihrer Genesung vorwärts. Sie durfte von ihren Lieben daheim jedoch nur Briefe empfangen, da sie immer noch ansteckend war. Sie langweilte sich in der Klinik und auch die Aussicht auf ihren zehnten Geburtstag konnte sie nicht erfreuen.
Als der Tag da war, hatte der Vater persönlich den Geburtstagstisch aufgebaut, auf dem sich jede Menge Geschenke und Briefe befanden und auch einen Geburtstagsgast hatte der Vater mitgebracht, Puppe Gerda. Jetzt hatte sie keine Langeweile mehr und endlich im Mai durfte Annemarie aufstehen. Doch wie langsam ging das, sie war sehr geschwächt, konnte nicht mehr laufen und musste sich anziehen und tragen lassen. Als sie endlich in den Park durfte lerne sie einen kleinen Jungen im Rollstuhl kennen, mit dem sie jedoch auch nur Briefkontakt halten konnte.
Endlich kam der Tag an dem sie nach Hause durfte, Mutti war entsetzt ihr Nesthäkchen so mager und blass wieder zusehen , auch die Brüder waren von der veränderten Annemarie nicht begeistert. Da Annemaries Erholung nicht recht voranschritt, beschlossen ihre Eltern sie für ein Jahr in ein Kinderheim auf die Nordseeinsel Amrum zu geben.
Mutti brachte die anfangs gar nicht begeisterte Kleine mit dem Schiff nach Wittdün. Auf der Reise lernte sie auch den Matrosen Willem kennen, der ihr und Puppe Gerda das Schiff zeigte.
Im Kinderheim von Frau Clarsen und deren Schwester Tante Lenchen schloss Annemarie schnell Freundschaft mit der älteren Ellen, der blonden Gerda und dem wilden Peter.
Auch Ordnung lernte Annemarie zu halten, nachdem sie fast nicht zu einem Ausflug mitkonnte.
Ein grosses Ereignis war der Besuch der Königin von Dänemark aber noch schöner war die Woche, die Frau Julchen, die alte Näherin, im Kinderheim verbrachte, da diese so schöne gruselige Geschichten zu erzählen wusste.
An einem Tag machten alle einen Ausflug ins Watt und Annemarie und Peter entfernten sich immer weiter von den anderen. Als sie dies bemerkten war es schon zu spät und die Flut begann sie von allen Seiten zu umschliessen. Die Kinder liefen um ihr Leben und kamen schliesslich völlig erschöpft am Leuchtturm, wo die Leuchtturm-Christel sofort das Kinderheim verständigte. Dort war man bereits in heller Aufregung und man hatte bereits begonnen, nach den vermissten Kindern zu suchen. Annemarie und Peter waren dadurch bestraft, dass Tante Lenchen an einem schlimmen Nervenfieber erkrankte und tagelang in Lebensgefahr schwebte. Erst mit dem ersten Schnee wurde Tante Lenchen wieder gesund. Jetzt begannen die Weihnachtsvorbereitungen und es wurden fleissig Überraschungen für die Lieben daheim und auch im Kinderheim gebastelt. Das Weihnachtsfest war ganz anders als daheim, würde Annemarie aber immer in lieber Erinnerung bleiben.
Ostern verliessen Ellen und Peter die Villa Daheim, aber unter den Neuankömmlingen befand sich Annemaries Rollstuhlfreund Kurt aus Vaters Klinik.
In den Sommerferien sollte ein grosses Kinderfest auf Wittdün stattfinden. Die Kinder bauten Burgen für einen Wettbewerb und alle fieberten dem Ereignis entgegen.. Doch die Nachricht von einem drohenden Krieg beschattete die Ferienidylle und eine Familie nach der anderen reiste ab. Das Kinderfest war vorüber und es hatten nur noch wenige Kinder daran teilnehmen können.
In der Villa Daheim waren nur noch Annemarie, Kurt und Klein Annekathrein übrig geblieben. Jeden Tag ging Tante Lenchen zum Strand um sich nach einem Telegramm von Annemaries Eltern zu erkundigen, doch Mutti war in England und Doktor Braun mit den Jungen im Hochgebirge und beide ahnten nichts von der drohenden Kriegsgefahr.
Als über Deutschland der Kriegszustand verhängt wurde, beschlossen die beiden Damen, die Kinder selbst nach Berlin zu bringen. Bei Nacht und Nebel mussten sie aufbrechen und kamen mit Mühe und Not noch auf ein total überfülltes Schiff, Puppe Gerda jedoch fiel bei dem Gedrängel ins Meer und Annemarie musste Abschied nehmen von ihrer treuen Gefährtin.
In völlig überfüllten Zügen kamen sie schliesslich in Berlin an, bei Annemarie war jedoch niemand zu Hause und so schlief sie zum ersten Mal wieder daheim bei der Grossmama.
Text: Miriam Neufert


