Else Ury

Nesthäkchen und ihre Puppen

(1913/1918)

 

"Habt ihr schon einmal unser Nesthäkchen gesehen?" So beginnt der erste Band der Nesthäkchenreihe um Annemarie Braun. Ja, so heisst sie, aber von Vater und Mutter wird sie meistens "Lotte" genannt. Blonde Zöpfe hat Annemarie, lustige Blauaugen und ein Stupsnäschen. Ausser Vati und Mutti wohnen bei Nesthäkchen noch Bruder Hans, der Quartaner,und der wilde Klaus, Hanne die Köchin und Frieda, das Stubenmädchen. In einem schönen grossen Haus mit Vorgarten und einem Hausmeister wohnt sie. Jetzt habe ich fast Fräulein Lena vergessen, die nicht nur getreulich für Annemarie, sondern auch für die beiden Brüder sorgt. Es gibt aber noch zwei die Annemaries Zeit beanspruchen, da ist noch Puck, das weisse Zwerghündchen und Mätzchen, das zitronengelbe Vögelchen.Aber Annemarie ist vor allem eine liebevolle Puppenmutti, und da hat sie alle Hände voll zu tun, denn da gibt es Irenchen, die Ältestem die schon ein Schulkind ist, Mariannchen, die an einer schweren Augenkrankheit leidet, seitdem Annemarie versucht hat, ihr mit flüssigem Gummi richtige Wimpern anzukleben, Kurt, der Puppenjunge der ein rechter Schlingel ist, Lolo, das Negerkind, das schrecklich unordentlich ist und zuletzt noch Baby, Annemaries Nesthäkchen. So hat Nesthäkchen schrecklich viel zu tun, denn sie muss im Berliner Tiergarten spazieren gehen, waschen, plätten und kochen für ihre Puppenkinder und nebenbei muss sie noch einen Krämerladen bedienen.

Am Ostersonntag bekam Annemarie ein neues Puppenkind. Ihre Oma brachte ein blondes Pupenmädchen mit einer Osterhasenkappe. In Anlehnung an den Namen ihrer Grossmutter nannte sie das neue Puppenkind Gerda.

Doch wegen ihrem neuen Nesthäkchen vernachlässigte Annemarie ihre alten Puppenkinder, die sich bitter beklagten. Erst als Puppe Gerda Annemarie im Traum erzählte, dass sie sie wieder verlassen will, besann sich Annemarie und wurde wieder eine gute Puppenmutti für alle ihre Kinder.

Nun unser Nesthäkchen hatte viele schöne oder weniger schöne Erlebnisse, ob das nun der Besuch von Tante Albertinchen war, an dem Annemarie wegen ihres vorlauten Benehmens weder den Mohrenkopf, noch die schöne Marzipankartoffel bekam, oder ob sie mit ihren Puppen Konditor spielte und dabei als Mäuschen verdächtigt wurde, oder als sie von ihrer neuen Freundin, dem Schiffer Lenchen zum Abschied deren Holzpantinchen geschenkt bekam.

Auch die Reise zu Tante Kätchen und Onkel Heinrich nach Gut Arnsdorf war von vielen aufregenden Erlebnissen geprägt. Wie der Tag, an dem Onkel Heinrich Puppe Gerda aus der Futterkrippe retten musste, in die sie Klaus versteckt hatte, oder der Tag an dem Puppe Gerda bei Tante Kätchens Kaffeekränzchen in der Sahneschüssel landete.

Wieder zuhause mussten Mutti und Fräulein Lena feststellen, dass Annemarie ganz verwildert war und sich auch nicht mehr um ihre Puppenkinder kümmern wollte. Da sie kaum mehr zu bändigen war wurde sie in den Kindergarten geschickt und nach anfänglicher Scheu gefiel es ihr dort sehr gut.

Es war Weihnachten und Puppe Gerda was schon lange verschwunden, warum? Nun, da der Puppe nach dem Baden die Haare abgelöst waren, hat sich Nesthäkchen kurzerhand einen ihrer Zöpfe abgeschnitten um ihn ihrem Nesthäkchen anwachsen zu lassen. Dieser wuchs zwar nicht an, dafür musste aber auch Annemaries zweiter Zopf abgeschnitten werden. Ja, und nun hatte Knecht Ruprecht die Puppe geholt, um ihr Annemaries Zöpfe anwachsen zu lassen. Am Weihnachtsabend sass also Puppe Gerda unter dem Weihnachtsbaum und wurde von Annemarie in Empfang genommen. Aber noch jemand konnte Einzug in die Kinderstube halten, denn auch einen Puppenleutnant hatte Knecht Ruprecht mitgebracht.

Das neue Jahr brachte viele aufregende Ereignisse mit sich. Zum einen zogen nebenan neue Mieter mit drei kleinen Kindern ein, dann wurde Annemarie zur Schule angemeldet und dann kam auch noch der 9. April, Nesthäkchens siebter Geburtstag, an dem sie eine neue Schulmappe von der Grossmama geschenkt bekam. Am nächsten Tag sollte sie also in die Schule gehen .

 Um ihre Puppenkinder nicht unversorgt zu lassen, verheiratete sie Gerda mit dem Leutnant und Irenchen mit Kurt.

 

Text: Miriam Neufert