1870 - 1892


1890 - 1915



Gründerzeit

oder Gründerjahre nennt man im engeren Sinn die Zeit unmittelbar nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71, in der die Wirtschaft boomte, die in Deutschland bisher etwas zurückgebliebene Industrialisierung machte einen Sprung nach vorn. Die Zeit war geprägt von Optimismus, Euphorie und... Angeberei. Man wollte zeigen, was man sich erarbeitet hatte.

Immer noch waren es die Frauen, die durch Müssiggang den Reichtum ihres Mannes demonstrierten, wärend dieser selbst eine eher unauffälige Erscheinung abgab. Offensichtlich unpraktische Kleidung unterstrich die Tatsache, dass sie keiner produktiven Tätigkeit nachgingen.

So trugen sie während der frühen 70er Jahre ein Gestell aus Stahlreifen oder Rosshaar, das den hinteren Teil den Rockes bauschig abstehen liess - die Tournüre. Der Rock hatte auch bei Alltagskleidern eine Schleppe, die bei Ballkleidern ziemlich lang werden konnte und ebenso wie das ganze Kleid über und über mit sogenannter Garnitur versehen war: Volants, Borten, Spitzen, Posamenten, Fransen.... an der Garnitur und den Draperien (kunstvoll gerafften Stoffbahnen) tobte sich bis in die 90er Jahre hinein die Phantasie der Modemacher und Schneiderinnen aus.
Auch dies ein Teil der Angeberei: der Verbrauch an Stoff und Besätzen für ein einzelnes Kleid war enorm teuer.

Um 1875 herum verschwand die Tournüre urplötzlich und machte einem vorn und seitlich sehr engen, hinten lang schleppenden Rock Platz. Die Oberteile wurden immer länger nach unten gezogen. Um 1880 erweckten querlaufende Rockdraperien und eng anliegende, hochgeschlossene, mehr als hüftlange Mieder den Eindruck einer sehr langen und schlanken Shilouette.


Doch schon zerrt die Mode wieder in die engegengesetzte Richtung: Die Tournüre kehrt zurück. Von 1882 bis 1885 wächst sie stetig an, beladen mit noch kunstvolleren Draperien als zuvor, dafür aber etwas zurückhaltender garniert. Überhaupt verschiebt sich der Schwerpunkt der Garnitur weg vom Rock und hin zum Oberteil.

Ende der 80er geht es wieder in die andere Richtung: Die Damen sind der Tournüre schnell überdrüssig. Sie wird wieder kleiner und verschwindet allmählich, bis sich um 1888 eine neue Modelinie etabliert hat. Nun fallen die schleppenlosen Röcke glatt und wenig garniert leicht glockenförmig herab. Die scheinbar leicht nach vorn geneigte Haltung aber, die durch das überbetonte Hinterteil hervorgerufen wurde, bleibt für die Ästhetik der 90er Jahre massgeblich und wird immer stärker betont.

Parallel zu diesen unerhörten Übertreibungen des Unbequemen beginnt sich, zunächst noch ganz leise, der Widerstand zu regen. Die ersten Frauenrechtlerinnen wettern im Verein mit Medizinern gegen das Korsett als Symbol der Unfreiheit und Gefahr für die Gesundheit. Doch eine natürliche Silhouette können sich nach Jahrunderten der Verformungshilfen nur wenige vorstellen. Das Korsett dominierte über 400 Jahre lang die weibliche Mode und liess sich nun nicht so einfach verbannen.....





Belle Epoque

im engeren Sinn bezeichnet der Begriff die "schöne Epoche, die von allgemeiner Hochstimmung geprägte Zeit am Anfang des 20. Jahrhunderts, aber stilistisch betrachtet beginnt sie schon in den 90er Jahren des 19. Jh., als einige Künstler anfingen, eine neue Formensprache zu entwickeln, die endlich mit der Stillosigkeit der vorangegangenen Jahrzehnte aufräumte:
Der Jugendstil war geboren.



Henri de Toulouse-Lautrec ( 1864 - 1901 ) malte Bälle im Moulin Rouge.

Die oberen Zehntausend entdeckten den Automobilsport, Tennis und Radfahren.

Um 1892 konzentriert sich die Laune der Mode auf die Ärmel. Sie werden am Oberarm stark aufgebauscht, während sie am Unterarm glatt anliegen, oder sie verjüngen sich gleichmässig nach unten. Um 1895 herum erreichten sie ihre grösste Grösse, um auf 1900 zu wieder schmal zu werden. Auch diesmal sollten sie wohl, wie im Biedermeier, die schmale Taille betonen, denn um diese Zeit wurden auch die Korsetts enger geschnürt als je zuvor.

Früh den fliessenden Formen des Jugendstils folgend, nehmen die Röcke eine unten ausgestellte Glockenform an. Im Detail allerdings zeigt sich im Gegenzug oft eine Vorliebe für bizarre, eckige, spitze Formen in zackigen Van-Dyck-Spitzen oder auf der Vorderseite des Hutes steil nach oben ragende Vogelschwingen. Vielleicht schlägt hier die Mode der bizarren Literatur durch: In jenen Jahren entstanden neben "Dracula" noch viele weitere Werke des klassischen Horrorgenres.


Bei den Männern wurden die Farben endgültig auf schwarz und weiss reduziert. Sehr populär wurden in dieser Zeit die "Vorhemden", ein gestärkter Latz unter der Weste und abknöpfbare Manschetten, die ein exklusives Hemd vortäuschen konnten. Die Krawatte wurde stetig kleiner, bis sie nur noch eine schmale Halsbinde war und schliesslich die bis heute gebräuchliche Fliege entstand.

Die Jahrhundertwende brachte einen deutlichen Stimmungsaufschwung, getragen vom kolonialen Reichtum, Fortschrittsglauben, und vielleicht auch vom soeben überstandenen vermeintlichen Weltuntergang. Ja, auch damals verkündeten falsche Propheten, dass mit der Jahrhundertwende die Welt untergehen würde.

Schon im vorigen Jahrzehnt hatte sich eine neue Ästhetik in der Damenmode entwickelt: Eine leicht vorgeneigte Haltung mit gerader Front von der Brust bis zur Fussspitze. Zur Unterstützung dienten neuartige, weit nach unten reichende Korsetts, die den Bauch wegdrückten. Erstaunlicherweise waren sie noch ungesünder als die besonders eng geschnürten Modelle der Jahrzente davor. Die gerade Front behinderte das Gehen und Sitzen.

Die Röcke blieben glockig, entwickelten aber wieder Schleppen. Die volantbesetzten seidenen Unterröcke, die diese Form stützten, sorgten für das unentbehrliche frou-frou, das erotische Rascheln. Der Jugendstil sorgte für die Ornamente, die in Applikation oder Schnurstickerei am besten zu Geltung kamen.

Immer mehr setzte sich, von Künstlern und Suffragetten und nicht zuletzt von der wachsenden Beliebtheit des Sports gefördert, die Reformbewegung immer mehr durch. Diese propagierte aus gesundheitlichen und ästhetischen Gründen korsettlose Kleidung. Zunächst war das dem allgemeinen Publikum nur in Form von Hauskleidern im Empirestil, also mit hoher Taille, näherzubringen. Für die Strasse und gesellschaftliche Anlässe war Reformkleiung immer noch undenkbar. Die ersten Entwürfe reformierter Kleidung waren aber auch zu sackartig!

Kostüme - Promenadenkleider - Casinokleid - Reisekleider

Doch nach und nach wurden die Korsetts weniger steif, die Haltung weniger vorgeneigt.
Der "Titanicstil" hält Einzug.

Um 1910 wurden die Röcke schmaler, ja sie wurden so schmal, dass man darin keinen vernünftigen Schritt tun konnte:
1911 war das Jahr des "Humpelrockes".
Doch das liess schon im folgenden Jahr wieder nach. Im Versuch, einen Teil der politischen und Wirtschaftlichen Macht zu reklamieren, nähert sich die Damenmode rasant männlichen Linien an. Die Damen erobern Jacketts mit breiten Revers und Krawatten. Ganz unmännlich aber sind die riesenhaften Hüte, die auf den Köpfen sitzen.



Von der Krinoline über Gesässpolster zum Glockenrock

Nach der Krinoline werden die Röcke in den 1870er und 1880er Jahren nur noch am Gesäss durch Polster und Tournüre betont. Die Röcke werden raffiniert mit vielen kleinen Rüschen, Raffungen und Draperien geschmückt. Besonders Seide ist ein beliebtes Material, alles orientiert sich an der Pariser Mode.
In den 90er Jahren bekommen die Röcke wieder eine schmalere und weich fallende Form, der sogenannte Glockenrock wird modern. Auch wird nur noch ein einzelner Unterrock getragen statt bis zu einem halben Duzend in den Jahrzehnten zuvor. Die Taille wird nach wie vor stark durch das Korsett betont, wobei dazu immer häufiger Gesundheitsbedenken von Orthopäden ausgesprochen werden.
In den ersten zwei Jahrzehnten beginnt die Entwicklung und zunehmende Verbreitung von “Reformkleidung” vor allem in Form von leichterer Unterwäsche.


Schmuck in der Gründerzeit:

Die 2. Hälfte des Jahrhunderts ist erfüllt von vielfältigen eklektizistischen Nachahmungen vergangener Stilepochen. Nach neuerlichen bedeutenden archäologischen Entdeckungen , orientierte sich der Zeitgeist wieder an den Goldschmiedearbeiten alter Kulturen, wie z.B. der Etrusker, der Römer, der Assyrer und der Griechen.
Wohlhabende und interessierte Bürger besuchten nun, da das Reisen bequemer wurde, die Stätten des Altertums in Griechenland, Italien und Ägypten und brachten neue Anregungen mit.
Ungeachtet des Abgleitens der Kreativität blieb die handwerklich technische Qualität des Kunsthandwerkes erhalten.
Das Goldschmiedehandwerk fand neue Fertigungsmethoden und entdeckte auch verschüttetes Handwerksgut erneut, wie z.B. die etruskische Granulationstechnik.
Vor allem gelang es mit der Galvanotechnik, hauchdünne Goldfilme auf unedles Metall aufzutragen. Zu den bereits bekannten Edelmetallen Gold und Silber gesellte sich das PLATIN: zuerst als Doublierung (ab 1880), später wurden ganze Schmuckstücke und Edelsteinfassungen daraus hergestellt (um 1920).
Um 1860 entdeckte man in Sibirien Demantoide die im Schmuckschaffen reichlich Verwendung fanden, wie z.B. bei eidechsenförmigen Diamantbroschen.
Die Schmuckindustrie stand ganz im Zeichen der Massenproduktion.
Schmuckstücke wurden zu Millionen aus dünnem Blech gestanzt, maschinell geprägt oder gepresst.
Durch die beginnende Emanzipation der Frau kamen um 1890 auch sportliche Accessoires in Mode wie z.B. Spangen mit Golfschlägern, Reitpeitschen, Steigbügel und Tennisrackets.
Die ägyptische Mode brachte eine häufige Verwendung von Skarabäen mit sich. (Paruren im ägyptischen Stil).



Bilder von Pierre August Renoir ( 1841 - 1919 )


Schmuck in der Belle Epoche:

Schmuck wurde hauptsächlich für Repräsentationszwecke verwendet. Wuchtige Römische Motive, Adler, Widderköpfe, Mäander und Lorbeerkränze als Dekorationselemente. Klassizistisches Gepräge. Verwendet wurden hauptsächlich Edelsteine, Perlen, Gemmen und Kameen. Hohe handwerkliche Perfektion der Goldschmiede und Emailleure.

Schmuck bei Hof / Abendschmuck

Die mehrteilige Schmuckgarnitur, die "Parure", die schon im 18. Jh. bekannt war, behielt auch um 1800 noch ihre Bedeutung. Sie bestand meist aus einem Diadem, Halskette, Armbändern, Brosche und Ohrgehängen, gelegentlich kamen Steckkämme und Gürtelschnallen dazu.




Kreolen-Ohrgehänge in Schlangenform, etruskische Ohrgehänge. Schlangenarmbänder am Oberarm getragen, Armreifen mit durchbrochenen Mustern. Diademe in Form von Tempelgiebeln, Haarreifen. Broschen, die auf der Schulter getragen werden. Gürtelschnallen. Diamanten im Rosen- oder Altschliff, in Pavé-Fassungen, Rubine und Smaragde wurden nur bei grossen Anlässen getragen.

Ohrringe und Ohrgehänge

Grosse kreisrunde Ohrreifen, sogenannte Kreolen Ohrringe, sehr leicht und hohl gearbeitet.

Armschmuck

Der Armschmuck, der im Rokoko kaum Bedeutung hatte, kam in Mode.




Werbung von 1894 - 1911






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