Doch schon
zerrt die Mode wieder in die engegengesetzte Richtung: Die Tournüre
kehrt zurück. Von 1882 bis 1885 wächst sie stetig an, beladen mit noch
kunstvolleren Draperien als zuvor, dafür aber etwas zurückhaltender
garniert. Überhaupt verschiebt sich der Schwerpunkt der Garnitur weg vom
Rock und hin zum Oberteil.


Ende der
80er geht es wieder in die andere Richtung: Die Damen sind der Tournüre
schnell überdrüssig. Sie wird wieder kleiner und verschwindet allmählich,
bis sich um 1888 eine neue Modelinie etabliert hat. Nun fallen die
schleppenlosen Röcke glatt und wenig garniert leicht glockenförmig herab.
Die scheinbar leicht nach vorn geneigte Haltung aber, die durch das
überbetonte Hinterteil hervorgerufen wurde, bleibt für die Ästhetik der
90er Jahre massgeblich und wird immer stärker betont.



Parallel zu
diesen unerhörten Übertreibungen des Unbequemen beginnt sich, zunächst
noch ganz leise, der Widerstand zu regen. Die ersten Frauenrechtlerinnen
wettern im Verein mit Medizinern gegen das Korsett als Symbol der
Unfreiheit und Gefahr für die Gesundheit. Doch eine natürliche Silhouette
können sich nach Jahrunderten der Verformungshilfen nur wenige vorstellen.
Das Korsett dominierte über 400 Jahre lang die weibliche Mode und liess
sich nun nicht so einfach verbannen.....

Belle Epoque

im engeren
Sinn bezeichnet der Begriff
die "schöne Epoche,
die
von allgemeiner Hochstimmung geprägte Zeit am Anfang des 20. Jahrhunderts,
aber stilistisch betrachtet beginnt sie schon in den 90er Jahren des 19.
Jh., als einige Künstler anfingen, eine neue Formensprache zu entwickeln,
die endlich mit der Stillosigkeit der vorangegangenen Jahrzehnte
aufräumte:
Der Jugendstil war geboren.


Henri de Toulouse-Lautrec ( 1864 - 1901 ) malte Bälle
im Moulin Rouge.


Die oberen Zehntausend entdeckten den Automobilsport,
Tennis und Radfahren.



Um 1892
konzentriert sich die Laune der Mode auf die Ärmel. Sie werden am Oberarm
stark aufgebauscht, während sie am Unterarm glatt anliegen, oder sie
verjüngen sich gleichmässig nach unten. Um 1895 herum erreichten sie ihre
grösste Grösse, um auf 1900 zu wieder schmal zu werden. Auch diesmal sollten
sie wohl, wie im Biedermeier, die
schmale Taille betonen, denn um diese Zeit wurden auch die Korsetts enger
geschnürt als je zuvor.



Früh den
fliessenden Formen des Jugendstils folgend, nehmen die Röcke eine unten
ausgestellte Glockenform an. Im Detail allerdings zeigt sich im Gegenzug
oft eine Vorliebe für bizarre, eckige, spitze Formen in zackigen
Van-Dyck-Spitzen oder auf der Vorderseite des Hutes steil nach oben
ragende Vogelschwingen. Vielleicht schlägt hier die Mode der bizarren
Literatur durch: In jenen Jahren entstanden neben "Dracula" noch viele
weitere Werke des klassischen Horrorgenres.



Bei den
Männern wurden die Farben endgültig auf schwarz und weiss reduziert. Sehr
populär wurden in dieser Zeit die "Vorhemden", ein gestärkter Latz unter
der Weste und abknöpfbare Manschetten, die ein exklusives Hemd vortäuschen
konnten. Die Krawatte wurde stetig kleiner, bis sie nur noch eine schmale
Halsbinde war und schliesslich die bis heute gebräuchliche Fliege
entstand.




Die
Jahrhundertwende brachte einen deutlichen Stimmungsaufschwung,
getragen vom kolonialen Reichtum, Fortschrittsglauben, und vielleicht auch
vom soeben überstandenen vermeintlichen Weltuntergang. Ja, auch damals
verkündeten falsche Propheten, dass mit der Jahrhundertwende die Welt
untergehen würde.



Schon im
vorigen Jahrzehnt hatte sich eine neue Ästhetik in der Damenmode
entwickelt: Eine leicht vorgeneigte Haltung mit gerader Front von der
Brust bis zur Fussspitze. Zur Unterstützung dienten neuartige, weit nach
unten reichende Korsetts, die den Bauch wegdrückten. Erstaunlicherweise
waren sie noch ungesünder als die besonders eng geschnürten Modelle der
Jahrzente davor. Die gerade Front behinderte das Gehen und
Sitzen.



Die Röcke
blieben glockig, entwickelten aber wieder Schleppen. Die volantbesetzten
seidenen Unterröcke, die diese Form stützten, sorgten für das
unentbehrliche frou-frou, das erotische Rascheln. Der Jugendstil
sorgte für die Ornamente, die in Applikation oder Schnurstickerei am
besten zu Geltung kamen.



Immer mehr
setzte sich, von Künstlern und Suffragetten und nicht zuletzt von der
wachsenden Beliebtheit des Sports gefördert, die Reformbewegung
immer mehr durch. Diese propagierte aus gesundheitlichen und ästhetischen
Gründen korsettlose Kleidung. Zunächst war das dem allgemeinen Publikum
nur in Form von Hauskleidern im Empirestil, also mit hoher Taille,
näherzubringen. Für die Strasse und gesellschaftliche Anlässe war
Reformkleiung immer noch undenkbar. Die ersten Entwürfe reformierter
Kleidung waren aber auch zu sackartig!





Kostüme - Promenadenkleider - Casinokleid - Reisekleider

Doch nach
und nach wurden die Korsetts weniger steif, die Haltung weniger
vorgeneigt.
Der "Titanicstil" hält Einzug.



Um 1910 wurden die
Röcke schmaler, ja sie wurden so schmal, dass man darin keinen vernünftigen
Schritt tun konnte:
1911 war das Jahr des "Humpelrockes".
Doch das liess
schon im folgenden Jahr wieder nach. Im Versuch, einen Teil der
politischen und Wirtschaftlichen Macht zu reklamieren, nähert sich die
Damenmode rasant männlichen Linien an. Die Damen erobern Jacketts mit
breiten Revers und Krawatten. Ganz unmännlich aber sind die riesenhaften
Hüte, die auf den Köpfen sitzen.




Von der Krinoline über Gesässpolster zum Glockenrock
Nach der Krinoline
werden die Röcke in den 1870er und 1880er Jahren nur noch am
Gesäss durch Polster und Tournüre betont. Die Röcke werden raffiniert mit vielen
kleinen Rüschen, Raffungen und Draperien geschmückt. Besonders Seide ist ein
beliebtes Material, alles orientiert sich an der Pariser Mode.
In den 90er Jahren bekommen die Röcke wieder eine schmalere und weich fallende Form,
der sogenannte Glockenrock wird modern. Auch wird nur noch ein einzelner Unterrock
getragen statt bis zu einem halben Duzend in den Jahrzehnten zuvor.
Die Taille wird nach wie vor stark durch das Korsett betont, wobei dazu immer
häufiger Gesundheitsbedenken von Orthopäden ausgesprochen werden.
In den ersten zwei Jahrzehnten beginnt die Entwicklung und zunehmende
Verbreitung von “Reformkleidung” vor allem in Form von leichterer Unterwäsche.




Schmuck in der Gründerzeit:
Die 2. Hälfte des Jahrhunderts ist erfüllt von vielfältigen eklektizistischen Nachahmungen vergangener Stilepochen.
Nach neuerlichen bedeutenden archäologischen Entdeckungen ,
orientierte sich der Zeitgeist wieder an den Goldschmiedearbeiten alter Kulturen, wie z.B. der Etrusker, der Römer, der Assyrer und der Griechen.
Wohlhabende und interessierte Bürger besuchten nun, da das Reisen bequemer wurde, die Stätten des Altertums in Griechenland, Italien und Ägypten und brachten neue Anregungen mit.
Ungeachtet des Abgleitens der Kreativität blieb die handwerklich technische Qualität des Kunsthandwerkes erhalten.
Das Goldschmiedehandwerk fand neue Fertigungsmethoden und entdeckte auch verschüttetes Handwerksgut erneut, wie z.B. die etruskische Granulationstechnik.
Vor allem gelang es mit der Galvanotechnik, hauchdünne Goldfilme auf unedles Metall aufzutragen.
Zu den bereits bekannten Edelmetallen Gold und Silber gesellte sich das PLATIN: zuerst als Doublierung (ab 1880), später wurden ganze Schmuckstücke und Edelsteinfassungen daraus hergestellt (um 1920).
Um 1860 entdeckte man in Sibirien Demantoide die im Schmuckschaffen reichlich Verwendung fanden, wie z.B. bei eidechsenförmigen Diamantbroschen.
Die Schmuckindustrie stand ganz im Zeichen der Massenproduktion.
Schmuckstücke wurden zu Millionen aus dünnem Blech gestanzt, maschinell geprägt oder gepresst.
Durch die beginnende Emanzipation der Frau kamen um 1890 auch sportliche Accessoires in Mode wie z.B. Spangen mit Golfschlägern, Reitpeitschen, Steigbügel und Tennisrackets.
Die ägyptische Mode brachte eine häufige Verwendung von Skarabäen mit sich.
(Paruren im ägyptischen Stil).


Bilder von Pierre August Renoir ( 1841 - 1919 )

Schmuck in der Belle Epoche:
Schmuck wurde hauptsächlich für Repräsentationszwecke verwendet.
Wuchtige Römische Motive, Adler, Widderköpfe, Mäander und Lorbeerkränze als Dekorationselemente. Klassizistisches Gepräge.
Verwendet wurden hauptsächlich Edelsteine, Perlen, Gemmen und Kameen.
Hohe handwerkliche Perfektion der Goldschmiede und Emailleure.
Schmuck bei Hof / Abendschmuck
Die mehrteilige Schmuckgarnitur, die "Parure", die schon im 18. Jh. bekannt war, behielt auch um 1800 noch ihre Bedeutung.
Sie bestand meist aus einem Diadem, Halskette, Armbändern, Brosche und Ohrgehängen, gelegentlich kamen Steckkämme und Gürtelschnallen dazu.


Kreolen-Ohrgehänge in Schlangenform, etruskische Ohrgehänge.
Schlangenarmbänder am Oberarm getragen, Armreifen mit durchbrochenen Mustern. Diademe in Form von Tempelgiebeln, Haarreifen. Broschen, die auf der Schulter getragen werden. Gürtelschnallen. Diamanten im Rosen- oder Altschliff, in Pavé-Fassungen, Rubine und Smaragde wurden nur bei grossen Anlässen getragen.
Ohrringe und Ohrgehänge
Grosse kreisrunde Ohrreifen, sogenannte Kreolen Ohrringe, sehr leicht und hohl gearbeitet.
Armschmuck
Der Armschmuck, der im Rokoko kaum Bedeutung hatte, kam in Mode.

Werbung von 1894 - 1911
