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A CHRISTMAS MEMORY
    
Weihnachten ohne Dickens' Weihnachtsmärchen
ist für mich wie ein Christbaum ohne Kerzen.
Es ist einfach alle Jahre wieder wohltuend mitzuerleben, wie sich der herzlose Geschäftemacher
Ebenezer Scrooge zu einen gütigen, wohltuenden alten Herren wandelt.
Dickens bedient sich hierfür der Mittel der Groteske: Am Heiligen Abend erscheint dem alten Geizhals
der Geist seines verstorbenen Geschäftspartners Marley und prophezeit Scrooge ein düsteres Ende
für den Fall, daß er seinen Lebenswandel nicht grundlegend ändert.
Danach zeigt sich der Geist der vergangenen Weihnacht,
welcher Scrooge in seine Kindheit zurückversetzt, gefolgt vom Geist der gegenwärtigen Weihnacht,
der ihn ins Haus seines ärmlich lebenden Schreibers Cratchit und dessen Familie geleitet.
Der Geist der künftigen Weihnacht schließlich führt ihn zu seinem einsamen Sterbebett
und zeigt ihm seinen Grabstein. Die Wege der Menschen deuten ein bestimmtes Ende voraus,
auf das sie hinführen, wenn man auf ihnen beharrt. Aber wenn man von den Wegen abweicht,
ändert sich auch das Ende. erkennt Scrooge und ist fortan ein anderer Mensch.
Mit dem Weihnachtsmärchen ist es Charles Dickens gelungen, eine rührseelige
und zugleich moralische Weihnachtsgeschichte zu schreiben,
die Dank seines großen erzählerischen Könnens nie kitschig wird.
Ich freue mich jedes Jahr in meiner Lieblingsausgabe der Weihnachtsgeschichte,
lesen zu können:
Die detailverliebten Bilder von Roberto Innocenti sind phantastisch,
eine Geschichte aus dem viktorianischen England ist bei uns zur Weihnachtszeit zur Tradition geworden und
wäre ohne sie wie Weihnachten ohne Weihnachtsbaum und Cherished Teddy Krippe und Hutschenreuther Adventskalender
- undenkbar!
Charles Dickens
wurde am 7. Februar 1812 in Landport bei Portsmmouth (England) geboren. Die Familie
lebte in ärmlichen Verhältnissen. Als er das zehnte Lebensjahr erreicht hatte, zog die Familie weiter
nach London. Nachdem sein Vater hier 1823 ins Schuldgefängnis kam, musste Dickens die Schule abbrechen
um als Hilfsarbeiter den Lebensunterhalt der Familie zu erarbeiten. In seiner Freizeit brachte er sich selbst
Lesen und Schreiben bei, er wurde Schreiber, später Stenograph, Parlamentsberichterstatter und Journalist.
In den 1830er Jahren machte er sich als freier Schriftsteller und Verleger selbstständig.
Die während dieser Zeit entstandenen Buchskizzen veröffentlichte er unter dem Pseudonym "Boz" als "Pickwick Papers",
die ihm erste große Beachtung als Schriftsteller einbrachten. 1838 entstand "Oliver Twist" und 1839
"Nicholas Nickleby".
Von 1841 bis 1842 besuchte er Amerika.
Die Weihnachtsgeschichte -Originaltitel: A Christmas Carol -
erschien 1843.


Während seines zweiten Amerika -Besuches 1849 bis 1850 entstanden Dickens Schriften
zu "David Copperfield".
Insbesondere diese Werk beinhaltet zahlreiche autobiografische Elemente und zählt zu seinen
populärsten Hinterlassenschaften.
Charles Dickens verstarb am 9. Juni 1870 im Alter von 58 Jahren an einem Schlaganfall.
Beigesetzt wurde er unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit in der Westminster Abbey in London.
Weihnachten? Pah, dummes Zeug!
Mit Ebenezer Scrooge und Charles Dickens durchs London der Banken, Konsumtempel und - Elendsquartiere von
Susanne Gaschke
Hatte Ebenezer Scrooge womöglich doch Recht?
"Weihnachten? Pah, dummes Zeug!", pflegte der Fiesling aus der Londoner Finanzwelt in Charles
Dickens' Weihnachtsmärchen A Christmas Carol zu sagen.
Scrooge war ein unangenehmer Zeitgenosse des frühen 19. Jahrhunderts, ein raffender,
habgieriger, aus dem nie ein edelmütiger Funken schlug.
Hitze und Kälte hatten wenig Einfluss auf ihn:
Nichts konnte ihn erwärmen, kein winterliches Wetter ihn erkälten,
kein Wind war schneidender als er und kein Platzregen der Bitte unzugänglicher.
Das schlechte Wetter, sagt Mr Dickens, wusste nicht, wo es Scrooge etwas anhaben sollte.
Würde Ebenezer Scrooge als moderner Banker seine mitleidlosen Schritte in die Londoner Innenstadt lenken,
so fände er seine Verachtung für alles Weihnachtliche aufs Schrillste bestätigt.
Eine Orgie von Glühlämpchen taucht die Straßen, Häuserfassaden, Weihnachtsbäume
und Plätze in konsumstimulierenden Glanz, jedes Schaufenster, jede Werbefläche in der U-Bahn,
jede Litfaßsäule scheint zu rufen:
Kauft! Liebe heißt kaufen! Schenken ist Liebe!
Kauft Harry-Potter-Besen aus Plastik! Kauft Mickymaus-Hausschuhe! Kauft Kunstpelzbezüge für Wärmflaschen!
Kauft Kochbücher, kauft Theatergutscheine!
Und wenn ihr das alles nicht bezahlen könnt: Lasst euch doch mit einer Sonderhypothek
von der Hongkong und Shanghai Banking Corporation beschenken!
Sonderüberziehungskredit hier! Weihnachtsdarlehen dort! Geld! Geld!
Die nicht kreditwürdigen Bettler und Obdachlosen, man sieht viele auf den Trottoirs,
postieren sich neben den Kleinaltären des Kults, den Bankautomaten.
Und die Damen, die vor den Kaufhäusern für moderne charities sammeln, nehmen "leider" nur Scheine.
Es würde den alten Scrooge vielleicht verwundert haben, die einstige Börse von London
in eine Shopping-Mall verwandelt zu sehen, in der Designerkrawatten,
Silbergegenstände unklarer Zweckbestimmung und genoppte Straußenlederschuhe für Herren
feilgeboten werden und wo die Jeunesse dorée der Finanzwelt abends kostspielige Weihnachtsfeiern
mit Champagnercocktails abhält.
Auch dürfte er zweifelnd auf die vielen Starbucks-Kaffeeausschänke, Suppen- und Saftbars geblickt
haben, sehr einverstanden einerseits mit dem Gedanken, dass die Angestellten dort
ihren Hunger und Durst schnell, ohne Zeitverlust durch unnützes Kauen stillen -
und andererseits fest überzeugt davon, dass es nichts anderes als grauenhafte Verschwendung sein könne,
Haselnusssirup in einen Caffè Latte zu gießen.( den besten macht sowieso mein Mann !)
Seinen eigenen Gehilfen, das darf man nicht vergessen, hielt Scrooge in einer Art Regentonne
und zahlte ihm fünfzehn Schilling die Woche, was den unglücklichen Mann, Bob Cratchit
mit Namen, zu dem machte, was man in Labours England working poor nennt.
Neun Millionen Menschen müssen heute in Großbritannien mit weniger als 40 Prozent
des monatlichen Durchschnittsverdienstes auskommen.
Die Gehilfen in den Banken und Versicherungen gehören freilich nicht mehr dazu;
jedenfalls verdienen sie augenscheinlich genug Geld, um es für Paul-Smith-Anzüge
und Gucci-Mappen zum Fenster hinauszuwerfen.
Jenen wohltätigen Gentlemen, die ihn um milde Gaben ersuchten,
erklärte Scrooge unwillig, er gönne sich selbst am Christfest nichts
und könne darum auch für die Armen nichts erübrigen.
Seinem Neffen beschied er, jeder Dummkopf, der mit einem "Frohe Weihnachten" auf den Lippen umhergehe,
solle in seinem eigenen Pudding gekocht und mit einem Stechpalmenzweig
im Herzen begraben werden. Das Potenzial des Weihnachtsfestes gerade für
das Kreditwesen muss zu seinen Zeiten noch eine geringere Rolle gespielt haben als heute.
Weihnachten? Pah, dummes Zeug!
Der Not fehlt jeder romantische Charme.
Scrooge wurde, wie wir wissen, schließlich geläutert. Es erschienen ihm die drei Geister
der vergangenen, der gegenwärtigen und der zukünftigen Weihnacht und führten
ihm mit allem Nachdruck vor Augen, wie es ihm ergehen könne, wenn er fortfahre
in seiner Hartherzigkeit und Raffgier:
Einsam, freudlos, ohne Freunde werde er sterben, Jubel bei seinen Schuldnern hinterlassend
und Gleichgültigkeit bei seinen Kollegen, selbst sein Totenhemd am Ende von Dieben
verscherbelt an einen schmierigen Trödler.
Er müsse sich der Not seiner Mitmenschen annehmen, bedeuten ihm die Geister.
Um ihn zur Umkehr zu bewegen, zeigen sie ihm die tiefe Kluft zwischen den Elendsvierteln
und der reichen City, zeigen ihm auch die winzige und armselige Wohnung seines Gehilfen
Bob Cratchit, dessen Los er, Scrooge, so leicht hätte verbessern können.
Man braucht indes nicht an der Hand der Geister nach Campden Town zu fliegen,
um diese Lektion zu lernen. Es genügt, wenn man, von der Börse kommend,
Cornhill und Leadenhall entlangwandert, vorbei an den Palästen der Banken und Versicherungen,
vorbei am liebevoll renovierten Leadenhall Market, einem ehemaligen Fleischmarkt,
wo der Lord Mayor von London und seine Bürobesatzung zu Ehren einer neu eröffneten Marks&Spencer-Filiale
Weihnachtslieder singen, wo aus demselben freudigen Anlass mince pies und Glühwein verteilt werden,
wo ein Schuhputzer von der Traditional Victoria Shoe Shine Company den Gentlemen aus
der Finanzwelt die schwarzen Todd's poliert.
Hier tut die City noch viktorianisch; nur ein paar hundert Meter weiter,
im East End, ist sie es wirklich. Der Stadtteil Tower Hamlets steht an sechster Stelle
auf der nationalen Elendsskala. Zwei Drittel aller Haushalte dort haben ein Einkommen
von weniger als 10 000 Pfund im Jahr; die Arbeitslosigkeit ist dreimal
so hoch wie im britischen Durchschnitt; viele Wohnungen sind hoffnungslos überbelegt;
die Menschen sind häufiger und länger krank und sterben früher als im übrigen Königreich.
Der Not fehlt jeder malerische Charme; es wäre falsch, an Gaslaternenromantik
und, womöglich mit einem wohligen Gruseln, an Jack the Ripper zu denken.
Der Frauenmörder trieb hier zwar einst sein Unwesen.
Heute hätte er aber weniger Gelegenheit zum Verbrechen, weil die Gegend systematisch
von Videokameras überwacht wird. Ein Straßenstrich findet sich trotzdem im Viertel.
Die Not wohnt heute in Sozialwohnungen. Das höchste und grauenhafteste Wohnungsbauverbrechen
der sechziger Jahre, Denning Point, erhebt sich gleich neben der U-Bahn-Station Aldgate.
Scrooges' Haus in der City hatte in einem Hof gestanden, in den es, nach den Worten von Mr. Dickens,
so wenig passte, dass man sich des Gedankens nicht erwehren konnte, es müsse, während
es als junges Haus mit anderen Häusern Verstecken spielte, hierher gelaufen sein und den
Rückweg vergessen haben. Mit Denning Point verhält es sich anders: Das ist eine Behausung,
vor der andere Gebäude zu flüchten scheinen, ein trostloser, zugiger Kasten, zwanzig Stockwerke
hoch, umgeben von flachen, heruntergekommenen Ladenbaracken mit vernagelten Fenstern.
Es hat dort gar keinen Sinn, Müll anderswohin als auf den klebrigen, schleimigen Fußboden zu werfen.
Kinder drücken sich in den Eingeweiden des Hauses herum, um unbeobachtet mit Drogen handeln zu können.
Vorsichtige Mieter (also nahezu alle) haben ihre Wohnungstüren mit kerkerartigen Eisengittern gesichert.
Viele Balkone sind übersät mit Taubenexkrementen.
Vom Dach aus hat man immerhin einen großartigen Blick über die City - auch Teile des Finanzviertels,
auch Canary Wharf, auch die nagelneuen Büropaläste der Docklands gehören zum Bezirk Tower Hamlets.
Und die City dehnt sich aus, greift gierig nach warehouses und viktorianischen Suppenküchen,
um sie in Luxus-Lofts und Yuppie-Wohnungen zu verwandeln. Auf engstem Raum leben hier Menschen
in Armut neben solchen, die mehr als eine Million Pfund im Jahr verdienen. Und während der geläuterte
Mr Scrooge seinem Gehilfen noch mit ein paar freundlichen Worten, einer Gehaltserhöhung und einem
Preistruthahn aufhelfen konnte, ist der Arbeitslosigkeit, dem Drogenelend,
der Situation des 21. Jahrhunderts mit Mildtätigkeit allein nicht mehr beizukommen. br>
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Happy Holiday!
    
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